... vor wenigen Tagen bin ich von der Feldarbeit für die neue Trans-Sardinien-Tour zurückgekommen. Gennargentu, ein riesiges Gebirgsmassiv aus Granit mit wüstenhaften Hochflächen wie in den chilenischen Anden, mit Schluchten wie dem Grand Canyon in Amerika, mit dichten Wäldern aus Steineichen und Buchen wie in Korsika, mit traumhaften Buchten und Stränden wie in der Südsee. Gennargentu, auf der Landkarte unwegsam, unkontrollierbar und deshalb auch Barbarenland genannt. Gennargentu, das Dach Sardiniens und doch nur ein kleiner Teil der zweitgrößten Mittelmeerinsel. Allein 8 Tage war ich im Gennargentu unterwegs, habe nach einer Idee gesucht, Routen und Spuren verfolgt.
Nuraghe Mereu, auf den ersten Blick nur ein Steinturm mitten im Wald über dem tiefsten Graben Sardiniens, historisch ein Bewachungsposten eines geheimnisvollen Volkes, von dem man bis heute nur sehr wenig weiß, für mich der Schlüssel zum Erfolg einer Trans-Sardegna-Tour. Nuraghe Mereu, von Norden, Süden, Osten und Westen habe ich mich herangemacht, tagelang auf der Karte und mit dem Bike nach einem machbaren Trail geforscht. Niedergeschlagen, verstaubt und ungläubig wollte ich schon die Heimreise antreten, da entdeckte ich im Gegenlicht eine Steinplatte, in die fein säuberlich ein Namen hineingemeißelt wurde: Nuraghe Mereu. Achim Zahn - November 2001
Trans Sardegna - 2002
Den Trail habe ich längst verloren. Die Kehle ist staubtrocken. Jedes mal beim Schlucken muss ich aufpassen, dass ich nicht auf die beiden Zäpfchen meiner Mandeln beiße, so angeschwollen sind sie. Der Ciclomaster am Lenker zeigt 43 Grad an. Seit fünf Stunden haben wir kein Wasser mehr. Mario aus Leipzig und ich stolpern eine namenlose, von Rissen und Spalten durchzogene Schlucht hinab. Wie, Kruzifix noch mal, soll ich in diesem Gewirr aus Schluchten mit Spalten und Schrunden einen Weg ausmachen, wo alle Schluchten gleich aussehen? Ständig suchen meine Augen nach Spuren, vergleichen das Gelände mit dem Bild der Militärkarte. Dieser Graben ist der richtige, nur wo ist der verzeichnete Weg?
Dabei hat heute alles so gut angefangen. Korkenziehergleich schraubt sich die Piste ab Oliena zum Monte Corrasi hinauf, fast 900 Höhenmeter am Stück. Ganz oben zwischen senkrechten Felswänden hindurch. Meine Schlauchlos-Reifen schlucken grobes Gestein. An der Madonna bei der Scala Pradu glaubst du, du könntest dem Pfarrer von Oliena bei der Morgenandacht auf den Kopf spucken. So steil ist der Abhang, an den sich das Steinsträßchen schmiegt. Zwei Stunden später an der Punta Solitta verliere ich das erste Mal in einem Wald aus knorrigen Eichen die Route. Überallhin führen Spuren, aber keine ist markiert. Ein Blick auf die Karte verdeutlicht den Ernst der Lage. Weit unten lauert Su Serrone, ein über 300 Meter tiefes, auswegloses Felsloch auf Opfer. Wie die Arme einer Riesenkrake laufen riesige Schluchten auf dieses schwarze Rund zu. Wenn Du da den falschen Graben erwischt, lässt Su Serrone nicht mehr aus. Eine halbe Stunde später finde ich wieder eine typisch sardische Wegmarkierung. In einen Felsblock, von denen hier Hunderte herumliegen, wurde ein Kreis mit einem Dreieck im Inneren gemeisselt. Teuflisch führt der Trail über zwei Arme am Kopf der Riesenkrake Su Serrone vorbei zum Campu Donanigoro. Die Bikes rollen auf weichem Waldboden um uralte Baumleichen, rattern ungebremst durch natürliche Steilkurven aus Kieselsteinen in Felsriffen und holpern über scharfkantige Urgesteinstreppen an mannshohen Steinmännern vorbei. Die Hoffnung auf Wasser bei den schwer zugänglichen Weidegründen des Campu Donanigoro wird nicht erfüllt. Alle Wasserstellen sind ausgetrocknet, auch die in einem Felsspalt versteckte Funtana S’Arga ist versiegt. Nur eine „Ovile“, eine traditionelle Rundhütte der sardischen Hirten, verrät, dass hier einmal „Pastori“ aus Dorgali und Orgosolo mit ihrem Vieh gelebt haben. Unmissverständlich weisen die Markierungen und der Traumtrail nach Süden. Wir müssen aber nach Norden. Ein in einer Baumkrone eingeklemmter Stein gibt mir zu denken. Weglos zerren wir unsere Bikes über einen sanften Rücken und steigen dann in eine breite Schlucht ein, nur von der alten Militärkarte geleitet. Nach einer Stunde entdecke ich wieder Steinmännchen, mehrere rote Markierungen machen Hoffnung auf ein Ende der Schlepperei, führen zu einem abgemauerten Biwakplatz. Rostige Blechbüchsen liegen herum, aber kein Wasser ist zu finden. Trotz Ausschweifen in alle Richtungen finde ich keine Markierungen mehr. Enttäuscht steigen wir weiter hinab in den enger werdenden Graben. „Kann man das Wasser trinken?“, höre ich Mario plötzlich rufen. In kleinen in den Fels gewaschenen Gumpen und Badewannen hat sich Regenwasser gesammelt. Grüne Algenteppiche und Mückenlarven schwimmen auf der Wasseroberfläche. „Nur einen Schluck!“, erwidere ich, während meine Augen den Weiterweg suchen. Unvermittelt stockt mein Vorwärtsdrang. Jäh bricht der Schluchtboden ab. Erst 200 Meter unter meinen Füssen flacht das Gelände wieder ab. Eine verrottete Abseilschlinge untermauert meine Einschätzung. Ohne Seil kommen wir hier nicht weiter. Mario sitzt immer noch an der Gumpe. Ihr Wasserspiegel hat sich zwischenzeitlich um mehr als 10 Zentimeter gesenkt, wie ich an den feuchten Felsrändern erkenne. So muss brackiges Wasser der Seefahrer schmecken. Es ist schon fünf Uhr. Meine Gedanken kreisen. Sollen wir einen Biwak vorbereiten? Nochmals schaue ich auf die alte Landkarte und folge dem Lauf des nicht vorhandenen Weges. Bei 580 Meter Höhe macht die Linie einen Rechtsknick und führt aus der Schlucht in den Nachbargraben. Das ist es. Mein Höhenmesser zeigt 560 Meter an. Also 20 Höhenmeter rauf und Richtung Osten queren. Das Gelände ist sehr ausgesetzt und unübersichtlich. Immer wieder baue ich zur Orientierung einen Steinmann, falls ein Rückzug erforderlich wird. Ich biege um eine Felskante. In der linken Hand das Bike über dem Abgrund, die rechte Hand an den Wurzeln einer schrumpligen Kiefer, da höre ich ein lautes Knattern in der Luft. Ein Hubschrauber fliegt bis auf 100 Meter an uns heran. In mir zuckt es. Soll ich SOS geben. Meine Augen spähen in den Abgrund der Nachbarschlucht Badde Dorone. Ja, das müsste gehen. Da kommen wir durch. Wir verhalten uns ruhig, bis der Hubschrauber außer Sichtweite ist. Tage später erfahre ich, dass sie ein vermisstes Ehepaar gesucht haben, verschollen im Gennargentu. Ausgemergelt und total erschöpft entdecken Mario und ich am Monte Tiscali einen Kreis mit einem Dreieck im Inneren, gemeisselt in eine von einer Feuerstelle schwarz berußten Felswand. Ein fahrtechnisch anspruchsvoller Trail führt uns zurück zu den Menschen Sardiniens mit pane karasau, Spanferkel, süßen Saubohnen, Knoblauch, Pecorino-Käse und Ichnusa, dem Bier der Sarden.
Sardinien ist die zweitgrößte Insel im Mittelmeer. Ihre Nord-Süd-Ausdehnung beläuft sich auf 270, ihre Ost-West-Breite beträgt 145 Kilometer. Nur durch die 12 Kilometer breite Meeresstraße von Bonifacio wird die sardische Nordküste von Korsika getrennt. Keine 180 Kilometer Wasser liegen zwischen der Südküste und Tunesien. Mit einer durchschnittlichen Höhe von 334 Metern erscheint das Inselrelief gegenüber Korsika oder Kreta vergleichsweise flach. Es gibt keine hochalpinen Gebirge. Also leichtes Spiel für einen Inselcross in bewährter MTB-Manier? Wanderkarten gibt es keine! Für die Militärkarten wanderten mehr als 250 Euro über den Ladentisch. Und die sind uralt, wie sich bei der Feldarbeit herausstellt. Dann die ersten Überraschungen. Schroff ragen die Berge aus dem Meer. Nicht viel mehr als 15 Kilometer Luftlinie liegen zwischen dem Meeresspiegel und den höchsten Gipfeln des Gennargentu, 1800 Meter hoch. Unvermittelt tun sich gewaltige Gräben auf. Man sieht sein Ziel schon. Eine Stunde Fahrzeit noch. Da öffnet sich eine Cordula. Wild, weglos, unzähmbar im Urzustand. Ob man sein Tagesziel heute noch erreicht?
Die Nord-Süd-Durchquerung der Insel mit dem Mountainbike ist eine Entdeckungstour mit vielen Gesichtern. Erholung suchende Tourenbiker kommen ebenso auf ihre Kosten wie abenteuerhungrige Pionierbiker. Neben der teilweise sehr schweren Originalroute führen auch einfache Varianten zum Tagesziel. Die große Fahrt beginnt am Steinernen Bär, einem Wahrzeichen der Gallura mit der Costa Smeralda. Es geht über die sonnenverwöhnte Weite der Barbagia mit wilder Macchia und über die einsamen Kalkhänge der Ogliastra zu den Felswänden am Meer im Gennargentu. Von schroff aufragenden Kalksteinwänden umgürtelte Buchten laden zum Baden im türkisblauen Meerwasser des Golfo di Orosei ein. Sie führt zu den Mythen und Resten der über 3000 Jahre alten Kultur der Nuraghier. Rätselhafte Wehranlagen und Kultstätten, aus mächtigen Steinquadern von den sardischen Ureinwohnern erbaut, stehen am Wegrand. Per Boot und Bike an der Steilküste entlang und durch enge, kilometerlange Schluchten erreicht man die Punta la Mamora, mit 1834 Metern Höhe das Dach Sardiniens. Im Trenino Verde, der sardischen Eisenbahn, genießen Biker eine grandiose Aussicht auf die Landschaft der „tacchi und tonneri“, unvermittelt aufragende, zerklüftete Felstürme und –nadeln, ehe die Reise an der Costa Rei, der Königsküste endet.
Sardinien hat viele Namen. Ichnousa, „die Schuhsohle“ tauften die alten Griechen das Eiland wegen seiner Form. Eine Sage erzählt, dass der liebe Gott die arme Schuhsohle bei der Erschaffung der Welt zunächst übersah. Nachdem ihn ein Engel darauf ansprach, besserte er nach. Er nahm von allem, was er sich an wundervollen Dingen für die Welt ausgedacht hatte: ein wenig schneebedeckte Alpen, bewaldetes Mittelgebirge, eine Portion karibische Traumstrände, eine Prise Sahara und sogar eine kleine Ecke vom Mond. Dies alles verstreute der Schöpfer und schenkte Sardinien seinen schönsten Spitznamen, „Kontinent im Kleinen“.
Wer die Trans Sardegna gemacht hat, wird dem lieben Gott Recht geben!

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ERLEBNISBERICHT: Sardinien